| Die
Seele des Kriegers
von Heribert Holzinger
Es ist wichtig, für seine Träume
ein paar Kämpfe durchzustehen - nicht als Opfer, sondern
als Abenteurer.
Paulo Coelho
In unserer Zeit der grausamen Bürgerkriege
und Terroranschläge ist es suchenden Menschen nicht
zu verdenken, dass sie die Lösung im Pazifismus suchen.
Der Friede ist zweifelsohne ein erstrebenswertes Gut. Doch
können wir als Bürger unserer westlich-demokratischen
Kulturen einen Frieden genießen, der auf dem Hunger
von einer Milliarde Menschen aufgebaut ist, die unter dem
Existenzminimum leben? Haben wir das Recht, unseren Frieden
auf dem Leid von Millionen Kindern aufzubauen, die in Afrika,
Asien und Südamerika in Sklaverei oder zu Hungerlöhnen
arbeiten, damit wir unsere Konsumgüter billig beziehen
können? Können wir einen Frieden auf dem grausam
geschundenen Körper unserer Mutter Erde aufbauen?
Diese wenigen Beispiele zeigen, dass wir
heute unsere Sinne nicht von westlichen Wohlstandsphantasien
und grenzenlosen Wachstumsträumen benebeln lassen dürfen.
Es ist notwendig aufzuwachen. Es ist heute wichtiger denn
je, für eine bessere, gerechtere und schönere
Welt zu kämpfen. Der Feind ist klar! Aber es ist weder
Amerika noch der Islam. Es ist der Egoismus, die Eitelkeit,
die Feigheit und die Trägheit, die vor allem in uns
selbst wohnen. Unser bester Verbündeter in diesem Kampf
ist unsere unsterbliche Seele, in der die Wahrheit, die
Liebe und alle Tugenden liegen.
Alle religiösen und philosophischen
Meister haben zu diesem "Heiligen Krieg" aufgerufen
und ihn auch selbst geführt. Der Heilige Krieg wird
immer gegen den inneren Feind geführt. Der äußere
Gegner ist Lehrmeister auf diesem Weg des inneren Kampfes,
indem er uns unsere Schwächen vor Augen führt.
Aus dem Dhammapada stammt der folgende Auspruch von Siddharta
Gautama Buddha:
Magst Du in der Schlacht besiegen
tausendmal zehntausend Krieger,
wer das eigne Ich bezwungen,
ist der größte Held und Sieger.
Die folgenden Absätze sind dazu bestimmt,
in unserer Zeit der Verwirrung der Begriffe etwas Licht
auf den wahren Weg des Kriegers fallen zu lassen.
Die Seele führt das Schwert,
nicht das Schwert die Seele
Ein Samurai, der im Dienste seines Herren
in Spanien unterwegs war, begegnete dort einem
spanischen Ritter. Dieser Ritter war launisch, stolz und
von Jähzorn beherrscht, so dass er in Wahrheit den
Weg des guten Kriegers längst verlassen hatte. Eines
Tages prahlte er mit der Unvergleichlichkeit seiner Toledo-Klinge,
die wirklich ein ganz besonderes Schwert war.
Schließlich forderte er den Samurai auf, die Kraft
ihrer Schwerter zu vergleichen. Zu diesem Zweck stieß
der Spanier sein Schwert in den Grund eines Baches. Er warf
ein paar Blütenblätter in die Strömung oberhalb
des Schwertes. Dieses war so scharf, dass es die Blütenblätter
durchtrennte. Als nächstes war der Samurai an der Reihe.
Auch er stieß sein Schwert mit Entschlossenheit in
das Bachbett und setzte sich sofort in vollkommener Konzentration
an das Ufer. Als die Blütenblätter auf die Schwertklinge
zutrieben, machten die Blätter wie von unsichtbaren
Händen bewegt einen Bogen rund um die Klinge, die sie
sonst zweifelsohne ebenfalls durchtrennt hätte.
In den Kampfkünsten liegt heute die Betonung auf der
Technik, beim Sport die Betonung auf Kraft und Ausdauer
des Körpers, im Studium auf der Schulung des Verstandes.
Wichtiger als diese äußeren Fähigkeiten
ist aber der Charakter des Menschen, der diese Waffen führt
bzw. diese Fähigkeiten zum Einsatz bringt. In der Hand
eines guten Menschen werden sie zum Segen, in der Hand eines
schlechten Menschen werden sie zum Fluch. Wie das Eisen
des Schwertes durch den Schmied geläutert, geformt
und veredelt wird, so muss auch der Mensch seinen Charakter
schmieden. Das geht nur, wenn er sich seiner unsterblichen
Seele bewusst wird, in der die Fähigkeit zum Guten
und zur Anstrengung für ein Ideal beheimatet sind.
Bei den Azteken wie bei vielen anderen
Krieger-Kulturen wurde der Charakter schon von Kind an geschmiedet.
Wenn dort ein Kind geboren wurde, rief der Vater das Schicksal
des jungen Wesens mit folgender Formel an: "Mein Sohn,
klein und zart, höre heute die Lehre, die uns der Herr
Yoaltecutli und die Herrin Yalticitl, dein Vater und deine
Mutter, hinterlassen haben. Aus deiner Mitte schneide ich
die Nabelschnur ab: Wisse und verstehe, dass nicht hier,
wo du geboren bist, dein Heim ist, denn du bist ein Soldat
und Diener. Du bist der Vogel, den man "Quechol"
nennt. Du bist der Vogel, der "Tzacuan" genannt
wird und du bist auch Vogel und Soldat, der überall
ist, aber dieses Haus, in dem du geboren bist, ist nur ein
Nest, es ist eine Herberge, in der du angekommen bist, es
ist dein Ausgang in diese Welt, hier wachse und blühe."
Der Vogel war für die Azteken ein
Symbol der unsterblichen Seele. Ein Symbol für den
inkarnierten Menschen war die gefiederte Schlange, wobei
die Schlange Ausdruck der Materie, des Körpers mit
seinen Wünschen und Leidenschaften ist, deren Schwerkraft
uns an die Erde bindet. Die Flügel aber sind Ausdruck
unserer Seele und verkörpern die Schwerkraft des Himmels,
die uns zur Sonne zieht. Die strenge Erziehung hat zum Ziel,
dass der Krieger in der Lage ist, seine Wünsche, seinen
Egoismus und die Trägheit seines Körpers zu überwinden.
Aus dem geopferten Körper der Schlange erblüht
die Blume, Symbol der Gerechtigkeit, des Schönen und
des Friedens. Die vollkommen geläuterte Seele befreit
sich aus ihrer Schlangenhaut und kehrt als Vogel in ihre
wahre Heimat, zur Sonne, zurück. Ein Zustand, der dem
indischen Nirwana vergleichbar ist.
Glaube und Geduld des Kriegers
Von den Assyrern, einer Kriegerkultur,
die im 2. bis 1. Jahrtausend v. Chr. ein Imperium errichtete,
das zeitweise über den mesopotamischen Raum hinausreichte,
wird folgende Geschichte von der Ausbildung ihrer Krieger
erzählt. Am ersten Tag, wo sie in die Kaserne aufgenommen
wurden, setzten sie einen Samen in die Erde ein. Jeden Tag
sprangen sie über den Baum. Und so wuchsen mit dem
Baum langsam und unsichtbar ihre Fähigkeiten.
Wenn man bereit ist, für den Weg des
Kriegers, so zweifelt man doch oft an den eigenen Fähigkeiten
und Möglichkeiten, diesen Weg zu gehen, die Welt gerechter
und besser zu machen. Und da setzt die Probe der Geduld
an. Unsere Schwierigkeit liegt darin, dass wir kleine Wachstumsschritte
oft nicht erkennen oder anerkennen. Aber auch wenn wir einen
Baum niemals wachsen sehen, so ist uns doch klar, dass er
wächst. Das er am Anfang ein kleines zerbrechliches
Pflänzchen ist, das dem Wind, Regen fast schutzlos
ausgeliefert ist. Nach einem Jahrzehnt jedoch ist es ein
wackerer Baum, der gut verwurzelt und mit Standfestigkeit
seinen Platz verteidigt und seine Arme dem Himmel entgegenschleudert.
Nach 100 Jahren ist er ein mächtiger Riese, so gut
wie unbesiegbar, ein Verbündeter des Windes und des
Regens und Beschützer vieler sichtbarer und unsichtbarer
Wesenheiten, die im Schatten seiner Krone leben und sich
von seinen sehnigen Armen in den Schlaf wiegen lassen.
Der Gründer von Neue Akropolis, Jorge
Angel Livraga, sagte dazu einmal: "Die Geduld ist eine
Form des Glaubens." Diese Geduld, den Glauben und das
Vertrauen in seine eigenen Möglichkeiten erweckt der
Krieger nur durch den Kontakt mit seiner unsterblichen Seele,
die ein Funken des göttlichen Feuers ist und unendliche
Möglichkeiten in sich trägt. Der Krieger weiß,
dass er alleine nichts ist, gemeinsam aber mit Gott kann
er alle Feinde besiegen.
Wofür es sich lohnt zu kämpfen
In den Zeiten des feudalen Japans verkleidete
sich einmal ein Schneider während seiner Reisen als
Samurai-Krieger, weil er sich so sicherer fühlte. Eines
Tages stieß er auf der Straße zufällig
mit einem wirklichen Samurai zusammen. Der war entrüstet
und forderte den Schneider auf, zu Mittag am Rande der Stadt
zum Duell zu erscheinen. Der Schneider war verzweifelt,
da er ja kein Krieger war. Darum suchte er einen Weisen
auf und bat den um Rat.
"Übst du dich in einer Disziplin?" fragte
ihn der Weise.
"Ich bin Schneider", erwiderte er.
"Wie gehst du an deine Arbeit heran?"
Der Schneider erklärte dem Weisen, dass er seine Arbeit
liebe und sich auf jede Aufgabe mit vollkommener Hingabe
konzentriere. Der Weise gab ihm folgenden Rat:
"Wenn du dem Samurai gegenüberstehst, schenke
ihm keine Beachtung. Benütze stattdessen deinen Schneidergeist
und konzentriere dich vollkommen darauf, wie du deinen Überrock
abnimmst und ordentlich zusammenlegst. Rolle dann deine
Ärmel auf, damit sie dir nicht im Weg sind. Wenn du
dich wieder erhebst, schließe die Augen, ziehe dein
Schwert und hebe es hoch über den Kopf. Konzentriere
deine gesamte Energie einzig auf diese Handlung. Beim ersten
Anzeichen einer Bewegung deines Gegners, schlage mit dem
Schwert direkt nach unten. Solltest du aber ein kühles
Lüftchen über deinem Kopf fühlen, wird das
dein Tod sein."
Der Schneider dankte dem Weisen und machte sich auf den
Weg zum Duell. Dort angekommen, ignorierte er die Menschen,
die ihnen beim Kampf zuschauen wollten. Er verhielt sich
wie in seiner Schneiderwerkstatt, zog seinen Überrock
mit vollkommener Hingabe aus und konzentrierte sich dabei
auf jede Bewegung. Schließlich zog er sein Schwert,
hob es über den Kopf und schloss die Augen. Der Samurai
betrachtete diese Bewegungen mit Ehrfurcht. Nie zuvor hatte
er einen Krieger gesehen, der seine Kleidung so peinlich
genau gefaltet hatte und dem Tod so gelassen gegenübergestanden
war. Und so nahm er an, einen großen Meister der Kriegskunst
vor sich zu haben. Mit einer Verbeugung entschuldigte er
sich:
"Ich war wohl etwas voreilig. Mir ist nun klar geworden,
dass Ihr mich nicht absichtlich angerempelt habt. Daher
gibt es auch keinen Grund zu kämpfen."
Als der Schneider später dem Weisen erzählte,
was vorgefallen war, erklärte ihm dieser: "Der
Samurai sah, dass du keine Angst vor dem Tod hattest. Da
er keine Schwäche in dir spüren konnte, kam seine
eigene Angst zum Vorschein."
In diesem Augenblick hatte der Schneider die Essenz des
Krieger-Weges verstanden.
Viele Menschen, vor allem junge, sehnen
sich heute danach, den gerechten Kampf zu kämpfen.
Viele sind unzufrieden mit den Ungerechtigkeiten in dieser
Welt und suchen nach ihrem Platz, wo sie ihre individuellen
Fähigkeiten zur Geltung bringen können, für
das Glück dieser Welt. Viele suchen ihren Weg, ihren
Sinn im Leben. Leider werden nur wenige fündig. Denn
was ihnen unsere Gesellschaft heute anbietet, sind Jobs
und keine Berufung. Während man darauf wartet, dass
Gott einen endlich an der Hand nimmt und den Lebenssinn
zeigt, versinkt man schließlich in den materiellen
Wohlstand und die materiellen Ziele unserer Gesellschaft
und verfällt in die Resignation derer, die einem auf
diesem Weg voranschreiten: "Man kann ja ohnehin nichts
ausrichten."
Viktor Frankl meint dazu, dass die meisten
Menschen die Suche nach dem Sinn falsch verstehen: Wir brauchen
nicht suchen. Das Leben befragt uns ständig ... und
wir brauchen nur ja zu sagen. Das Leben gibt uns ständig
Chancen, uns für gerechte und gute Dinge einzusetzen.
Und wir versäumen sie, weil wir uns nicht sicher sind,
ob das unser Weg, unsere Berufung ist. Um den eigenen Weg
zu finden, reicht es, die erstbeste Gelegenheit zu nützen,
um Gutes zu tun, um für die Gerechtigkeit einzutreten.
Wenn wir uns für eine gute Sache engagieren, dann werden
erstens wir selbst bessere Menschen, zweitens werden wir
unsere eigenen Mittel und Fähigkeiten entwickeln, wodurch
wir uns in Zukunft als noch nützlicher erweisen können.
Wenn man besser, fähiger und weiser geworden ist, wird
man die Chance bekommen, einer noch besseren Sache zu dienen.
All jenen, die sich entschließen,
den guten Kampf zu kämpfen, ist die folgende Strophe
aus der Stimme der Stille, einem uralten Weisheitsbuch gewidmet.
Kein Arhan (Würdiger), o Lanu
(Jünger), wird man in jener Geburt, in der die Seele
sich zum ersten Mal nach endgültiger Befreiung zu sehnen
beginnt. Keinem Krieger, o Strebender, der aus freiem Willem
im grimmigen Kampf zwischen Lebendem und Totem kämpfen
will, keinem einzigen Kämpfer kann je das Recht verweigert
werden, den Pfad zum Schlachtfeld zu betreten.
Die Stimme der Stille
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